Dies war die bisher kälteste Nacht, und wir freuen uns über den heißen Tee ganz besonders. Auch zum Anrühren der Haferflocken nehmen wir heute heißes Wasser. Die Tee-Reste im Topf sind gefroren, als ich den Topf danach einpacken will. Schlauer wäre es gewesen, alles einzupacken und ein Stück weiter in der Sonne zu frühstücken, aber das lernen wir wohl auf dieser Tour nicht mehr. Erst als wir abmarschbereit sind, erreicht die Sonne den Zeltplatz. Naja, egal, wir machen sowieso gleich nochmal Halt, um an einem etwas höhergelegenen See Wasser zu filtern - in der Sonne. Immerhin ist heute ein strahlend blauer Tag, keine einzige Wolke am Horizont!
Es ist nicht mehr weit bis zum Pass, ein paar Serpentinen und schon sind wir da. Der Weg weist eine erstaunliche Anhäufung von Maultiersch… auf - als ob die Viecher keine Lust hätten, das alles mit hochzuschleppen. Die Höhe macht uns nicht mehr viel aus. Physi erreicht den Paß als erster - was für ein Anblick! Oben auf dem Paß steht ein Ami, der ganz ungeniert an einen Stein mitten auf dem Pass pinkelt. Vince meint, die Unwissenheit vieler Amis darüber, wie man sich unter zivilisierten Menschen benimmt, ist der Grund für die strengen Gesetze z.B. über das Entblößen in der Öffentlichkeit.
Der John Muir Trail ist heute tatächlich stark bevölkert und uns begegnen beim Abstieg haufenweise Leute (die alle erschöpft genug sind, um freiwillig stehen zu bleiben und uns Platz zu machen, statt auf ihrem Vorfahrtsrecht* zu bestehen).
Abgesehen von dem Ami bietet sich nach Süden (da, wo wir hergekommen sind) ein grandioser Ausblick über die Hochgebirgslandschaft, und nach Norden sieht man schon die ersten Bäume des Bubbs Creek Valley.
Mit dem Abstieg haben wir’s eilig, wollen wir doch noch möglichst weit ins Bubbs Creek Valley kommen, damit wir morgen nicht mehr so viel laufen müssen. Daher gibt’s die Mittagspause erst einige Zeit unterhalb der Baumgrenze, im Schatten eines Baumes am Fluß. Die Bergpanorama-Landschaft mit den Kletterfelsen wird wieder durch die baumbewachsene Schlucht und eindrucksvolle Stromschnellen und einen Wasserfall abgelöst.
Etwa 1600 Höhenmeter und über 20 km später schlagen wir unser Zelt in der Nähe des Charlotte Creek auf. Das erfrischende Bad im Fluß wird durch die Anwesenheit mehrerer anderer Camper beeinträchtigt, die wir natürlich nicht durch unerlaubtes Entblößen in der Öffentlichkeit irritieren wollen… außerdem ist es kühl und mückig, zwei weitere Gründe, nicht zu lange leicht bekleidet herumzulaufen.
Zum Abendessen gibt’s (mangels Auswahl) den letzten Rest Chili-Nudeln mit Käse und Wurst, und zum Nachtisch den Blueberry Cheesecake, auf den Physi und Vince sich schon lange gefreut haben (ich mag keine Blaubeeren). Eigentlich hätten wir dann noch gern einen Tee getrunken, aber der Kocher beschlißet, nicht mehr mit uns zusammenzuarbeiten (obwohl ich inzwischen einige Übung mit den widerspenstigen Streichhölzern habe). Wahrscheinlich ist irgendo irgendwas verstopft. Immerhin führt das dazu, daß ich das erste Mal auf der Tour die Hände mit Seife wasche, weil ich mir Benzin drübergeschüttet habe - Lavendelseife mit Benzin gäbe sicher eine tolle Duftseife für Möchtegern-Autobastler.
Während wir gemütlich am Feuer sitzen, knackt es plötzlich hinter uns im Gebüsch! Man sieht einen schwarzen Schatten, der bei genauerem Hinsehen einem Bär ähnlich sieht. Im Licht der Stirnlampe sieht man seine Augen leuchten. Physi rennt auf ihn zu, nein, eigenlich auf seinen Rucksack zu, um die Kamera auszupacken. Bis er sie ausgepackt hat, hat der Bär schon beschlossen, daß wir uninteressant sind und marschiert weiter, seelenruhig zwischen uns und dem Bach die Schlucht hinauf. Heute halten wir uns wörtlich an die Anweisungen und kontrollieren zweimal, ob die Bärenkanister auch wirklich zu sind.
Zusammenfassung:
Strecke: 32 km
Profil: Zeltplatz 3630 m -> Forrester Pass 4000m -> Charlotte Creek Camp Site 2100m
Höhenmeter: 370m hoch, 1900m runter
Zeit: 8 Stunden
* Beim Wandern haben Leute, die aufsteigen, Vorfahrt.